Wenn einer eine Reise tut
by srimbach„Was soll denn das sein?“
Das ist genau die Art von Frage, die man an einem kalten Sonntagabend um 23:20 Uhr am Kölner Hauptbahnhof hören möchte. Direkt nach „Ihr Zug hat 120 Minuten Verspätung“ und knapp vor „Wir bitten um Verständnis“.
„Na ja“, sagte ich vorsichtig, „ein Rollstuhl.“
„Ein Rollstuhl?“ Er sprach es anders aus als ich. Skeptischer. Als hätte ich behauptet, das Ding vor ihm sei ein Einhorn mit TÜV-Plakette. Aber es war nun mal ein Rollstuhl. Zumindest so in der Art. UE4, mein Mitbewohner, Freund und einziger mir bekannter Besucher aus dem All, nutzte den Rollstuhl als Fortbewegungsmittel. Er war ein Alien vom Planeten Ssalgh, einem Ozeanplaneten etwa 23 Lichtjahre von hier. Was ungefähr so weit weg ist, wie sich Köln manchmal von Berlin anfühlt, nur mit weniger Baustellen dazwischen. Als Wasserwesen besaß UE4 zwar sechs Tentakel, aber weder Beine noch Füße. Evolution hatte auf Ssalgh andere Prioritäten gehabt.
„Und was meinen Sie, soll jetzt passieren?“ Der Mann von der Mobilitätshilfe verschränkte die Arme. Er trug eine Warnweste, die den Warnhinweis eigentlich an ihn selbst hätte richten sollen.
„Äh, also, ich denke, der Zug fährt gleich ein und Sie heben den Rollstuhl mit Ihrer Hebebühne in den Zug.“
Ich hatte extra den Nachtzug von Köln nach Berlin um 23:27 Uhr herausgesucht. ICE 1541. Ankunft 5:51 Uhr Berlin Zoologischer Garten. Meine Überlegung war simpel: Nachts weniger Leute, weniger Leute weniger Blicke, weniger Blicke weniger Erklärungsnot, warum ein chromgrüner Viertäuger im Rollstuhl den Großraumwagen unsicher macht. Was ich nicht einkalkuliert hatte: Die Mobilitätshilfe der Deutschen Bahn.
„Ah ja. Und wo ist Ihr Schwerbehindertenausweis, wenn ich mal fragen darf?“
„Ich? Ich habe keinen Schwerbehindertenausweis.“
„Na, sehn‘ Se?“
Mein Blutdruck stieg in Regionen, für die mein Hausarzt immer durch die Zähne pfeift, bevor er irgendwas von „Lebensstiländerung“ murmelt, wobei Lebensstiländerung bei ihm alles bedeutet zwischen „weniger Kaffee“ und „hören Sie auf, mit Aliens zusammenzuwohnen“. UE4 saß ruhig in seinem Rollstuhl und beobachtete die Szenerie mit zwei seiner vier Augen. Die anderen beiden studierten die Abfahrtstafel, als enthielte sie die Antwort auf eine fundamentale Frage des Universums. Was sie, wenn man es recht bedachte, vielleicht auch tat: Warum hält ein Nachtzug um 2:14 Uhr in Gütersloh?
„Aber ich sitze doch auch gar nicht in dem Rollstuhl.“
„Richtig. Und das ist das Problem. Mein Job ist es, Menschen in den Zug zu helfen. Ich bin nicht dafür da, Ihr Aquarium zu schleppen. Ob es in einem Rollstuhl steht oder nicht. Ich arbeite bei der Bahn, nicht bei Umzug Müller.“
Das „Aquarium“ war eine transparente Glashülle, die UE4 um seinen Rollstuhl aktivieren konnte. Alien-Technologie, von der Art, die man nicht hinterfragt, weil die Antwort einem sowieso nicht weiterhelfen würde. Damit hielt er seine Haut feucht, was für ein Wesen vom Ozeanplaneten ungefähr so wichtig war wie für einen Menschen das Atmen. An UE4s Augen erkannte ich, dass er keinerlei Wunsch verspürte, mir zu helfen, die Situation aber sehr, sehr lustig fand.
„Hören Sie“, versuchte ich zu retten, was zu retten war, „wir haben eine Einladung der Deutschen Bundesregierung. Wir müssen dringend nach Berlin. Und wenn Sie uns nicht helfen, können wir nicht fahren.“
Das war nicht gelogen. Vor zwei Wochen war ein Brief gekommen, auf schwerem Papier, mit Bundesadler und allem Drum und Dran. Die Bundesregierung wünschte, diplomatische Beziehungen mit Ssalgh aufzunehmen. So stand es da, schwarz auf weiß, in jenem speziellen Beamtendeutsch, das gleichzeitig alles und nichts sagt: *“Im Rahmen der Pflege interplanetarischer Beziehungen beabsichtigt die Bundesrepublik Deutschland, einen diplomatischen Dialog mit Vertretern des Planeten Ssalgh aufzunehmen.“* Man konnte den Satz dreimal lesen, ohne klüger zu werden. UE4 war eingeladen, nach Berlin zu kommen. Als was genau, blieb angenehm vage. Der Brief war an „Herrn Jürgen Fink“ adressiert gewesen, UE4s menschlichen Tarnnamen, unter dem er als liechtensteinischer Diversity-Berater bei der ESA in Köln arbeitete. Das an sich war schon eine Geschichte, die man nur glaubt, wenn man zu viel Kölsch getrunken hat, aber das ist Buch Eins.
„Wir? Wer ist denn jetzt wir?“ Der Mann stemmte die Hände in die Hüften. „Jetzt hören Sie mir mal zu. Und wenn Sie eine Audienz beim Papst haben. Ich trage Ihr Aquarium nicht und ich werde auch meine Hebebühne nicht missbrauchen. Die ist nur für den Transport von Personen zugelassen. Und jetzt wünsche ich Ihnen einen schönen Abend.“
Und weg war er.
Ich stand auf dem Bahnsteig und starrte ihm hinterher, während der Ansager verkündete, dass der ICE 1541 in zwei Minuten einfahren würde. Zwei Minuten. Ich hatte einen Alien im Rollstuhl, keinen Plan B, und die Deutsche Bahn hatte soeben bewiesen, dass ihre Vorschriften selbst interstellare Diplomatie überdauern würden. Wobei ich mir nicht sicher war, ob das eher ein Zeichen von Stärke oder von Wahnsinn war. Vermutlich beides. Vermutlich ist das dasselbe.
„Marcel“, sagte UE4 mit seiner leisen, leicht blubbernden Stimme, „auf Ssalgh haben wir ein Sprichwort.“
„Jetzt nicht, UE4.“
Der Zug fuhr ein. Die Türen öffneten sich. Und ich hatte keine Ahnung, wie ich 80 Kilo Alien plus Rollstuhl plus Glasgehäuse in einen ICE bekommen sollte, dessen niedrigste Einstiegshöhe irgendwo bei „deutlich zu hoch“ lag.
„Brauchste Hilfe?“
Hinter mir stand ein junger Typ, dessen Klamotten verdächtig nach Berlin aussahen. Das heißt: sehr teuer, aber mit enormem Aufwand so gestaltet, dass sie nach dem Flohmarkt auf dem RAW-Gelände nahe der Oberbaumbrücke aussahen, zu dem man um sechs Uhr morgens fährt, obwohl man es sich leisten könnte, einfach in einen Laden zu gehen. Er trug eine Mütze, die aussah, als hätte sie schon drei Besitzer gehabt, und einen Mantel, der wahrscheinlich mehr gekostet hatte als mein Motorrad.
Ich seufzte erleichtert. „Ja, super. Danke. Ich gehe hier hin und du auf die andere Seite.“
Keine dreißig Sekunden später waren wir alle im Zug. Ich sollte ihm vielleicht etwas erklären, dachte ich. „Du, also da in dem Rollstuhl. Das ist kein Aquarium, das ist …“
„Alter!“ Er unterbrach mich mit der Begeisterung eines Kindes am Weihnachtsmorgen. „Kommt da ein Baum aus deinem Ohr?“
„Äh, was bitte?“
„Boah, ich glaube, die Pilze kicken jetzt schon. Ich mache das immer, wenn ich den Zug hier nehme, damit ich besser schlafen kann. Voll krass. Aus deinem Kopf kommt ein Baum und in dem Rollstuhl sitzt ein grüner Außerirdischer. So geil.“ Er kicherte. „Du weißt bei den Dingern nie, wie viel du abbekommst. Die Dosis ist immer anders. Ich gehe besser schnell zu meinem Sitz. Gute Nacht, Baum-Mann.“
Und dann war auch er weg. Gerettet von einem Berliner auf Magic Mushrooms. Mein Vater hätte gesagt: Nimm, was du kriegen kannst.
—
Der ICE 1541 war auf Grund der Uhrzeit so gut wie leer. Ein paar versprengte Reisende verteilten sich über den Großraumwagen wie Rosinen in einem besonders geizigen Rosinenkuchen. Ich schob UE4 zum Behindertenplatz, was insofern ironisch war, als UE4 im Sinne der Deutschen Bahn vermutlich als das behindertste Wesen galt, das jemals einen ICE betreten hatte, aber keinen Ausweis dafür besaß. Drei Reihen weiter schlief ein Mann, der eine Brezel umklammerte, als wäre sie das Einzige, was ihn noch mit der Realität verband.
„Und?“, fragte ich, als wir uns eingerichtet hatten. „Aufgeregt?“
UE4 drehte zwei Augen zu mir. „Aufgeregt ist ein menschliches Konzept, das auf der Annahme basiert, dass die Zukunft relevant ist, bevor sie eintritt.“
„Also nein?“
„Also nein.“
Er holte sein Tablet hervor. Es war ursprünglich ein iPad gewesen, das er allerdings so modifiziert hatte, dass es jetzt aussah, als hätte jemand das Gerät mit einer Qualle gekreuzt und das Ergebnis dann noch einmal mit einer Qualle gekreuzt, für den Fall, dass es beim ersten Mal nicht genug Qualle war. Es konnte mit allen sechs Tentakeln gleichzeitig bedient werden, war wasserdicht, und hatte eine Akkulaufzeit, die Apple wahrscheinlich als persönliche Beleidigung empfand. An der Oberseite klebte eine Konstruktion, die als Kopfhörer diente — wobei „Kopfhörer“ das falsche Wort ist für etwas, das man sich über den ganzen Oberkörper legt, weil man über die Haut hört. Ich hatte ihn einmal gebeten, mir zu erklären, wie es funktionierte. Nach zwanzig Minuten hatte ich aufgegeben und beschlossen, es unter „Alien-Magie“ abzuheften. Ich war aber extrem froh, dass er sich das erfunden hatte. Ohne diese Kopfhörer hätte der ganze Zug die komplette Fahrt über Filme mithören müssen.
Er startete einen Bollywood-Film. Natürlich.
Seit UE4 auf der Erde Bollywood entdeckt hatte, war er so besessen davon wie andere Leute von Fußball, Steuererklärungen oder der Frage, ob man Koriander mag oder nicht. Er hatte systematisch das gesamte Werk von Shah Rukh Khan durchgearbeitet, war dann zu Aamir Khan übergegangen und befand sich jetzt in einer Phase, die er selbst als „Post-Golden-Era-Exploration“ bezeichnete, was bei einem Alien vom Ozeanplaneten ungefähr genauso prätentiös klang wie bei einem Filmstudenten aus Ehrenfeld. Frau Petersen, unsere Nachbarin, Jens und er hatten einen Filmclub gegründet, der irgendwann aus meinem Wohnzimmer in ein eigenes kleines Kino in einem Hinterhof umgezogen war, was mein Sofa sehr begrüßte. Wobei, eigentlich wieder nicht. Denn mein Sofa wurde gleich mit in den Filmclub umgezogen. Aber dafür habe ich jetzt ein neues Sofa.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Köln glitt davon. Ich lehnte mich zurück und versuchte, die Augen zu schließen. Sechs Stunden bis Berlin. Genug Zeit für ein wenig Schlaf.
„Marcel.“
„Hm.“
„Warum hat eure Regierung fünfzehn Ministerien?“
Ich öffnete ein Auge. „Was?“
„Fünfzehn Ministerien. Ich habe die Liste studiert. Ministerium für Inneres. Ministerium für Äußeres. Ministerium für Verteidigung. Ministerium für Finanzen. Ministerium für –„
„Ja, ich weiß, was Ministerien sind, UE4.“
„Meine Frage ist nicht, was sie sind. Meine Frage ist, warum keines davon für Zusammenarbeit zuständig ist.“
Ich öffnete das zweite Auge. Das war leider eine gute Frage. „Naja, die arbeiten ja zusammen. Es gibt interministerielle Arbeitsgruppen und so.“
„Interministerielle Arbeitsgruppen.“ UE4 wiederholte die Worte langsam, so wie man ein besonders merkwürdiges Insekt betrachtet, das man unter einem Stein gefunden hat. „Das klingt, als hätte jemand versucht, das Problem zu lösen, indem er es benennt.“
„So funktioniert das in Deutschland. Wir benennen Dinge und dann –„
„*Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze Düsseldorf. Ausstieg in Fahrtrichtung links.*„
Die Durchsage kam mit der Lautstärke eines Menschen, der davon überzeugt war, dass der gesamte Zug auf genau diese Information gewartet hatte. Es war 23:49 Uhr.
Niemand stand auf. Die Türen öffneten sich in die kalte Nacht, warteten pflichtbewusst, schlossen sich wieder. Der Zug fuhr weiter, als wäre nichts geschehen. Weil nichts geschehen war.
„Warum hat er das gesagt?“, fragte UE4.
„Was?“
„Warum hat der Mensch mit dem Mikrofon gesagt, dass wir in Düsseldorf sind, wenn niemand in Düsseldorf aussteigen möchte?“
Die wenigsten Kölner wollen nach Düsseldorf. Das ist weniger eine geographische als eine philosophische Haltung, ähnlich wie die Frage, ob es Kölsch oder Alt heißt, nur dass bei dieser Frage immerhin klar ist, wer recht hat. „Weil es Vorschrift ist.“
„Ah.“ UE4 legte zwei Tentakel aneinander, was bei ihm das Äquivalent eines wissenden Nickens war. „Vorschrift…“
„UE4, ich versuche zu schlafen.“
„Du versuchst nicht zu schlafen. Du versuchst, meinen Fragen auszuweichen, indem du so tust, als würdest du schlafen.“
Er hatte recht. Ich hasste es, wenn er recht hatte. Was ungefähr so oft vorkam wie Staus auf der A3 am Kreuz Leverkusen, also ständig.
„Na gut“, seufzte ich. „Was willst du wissen?“
„Erzähl mir von Berlin.“
„Was genau?“
„Alles.“
Also erzählte ich. Von der geteilten Stadt, die wieder zusammengewachsen war, aber immer noch die Narben trug, wie ein gebrochener Knochen, der zwar geheilt, aber bei Regen noch schmerzt. Vom Regierungsviertel, das aussah wie ein Architekturwettbewerb zwischen Glas und Beton, bei dem beide Seiten verloren hatten. Von der Berliner Schnauze, die sich von der Kölner Herzlichkeit unterschied wie ein Presslufthammer von einer Umarmung — beides trifft dich, aber bei einem davon tut es weniger weh. Von den Ministerien, in denen Tausende Menschen arbeiteten, deren Hauptaufgabe darin bestand, andere Ministerien darüber zu informieren, was sie gerade taten, damit diese wiederum Berichte schreiben konnten, die niemand lesen würde, die aber in Ordnern standen, die in Regalen standen, die in Büros standen, in denen Menschen saßen, die neue Berichte schrieben.
„Das klingt ineffizient“, sagte UE4.
„Das ist nicht ineffizient. Das ist Föderalismus.“
„Was ist der Unterschied?“
„Im Föderalismus ist die Ineffizienz Absicht.“
„*Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze Essen Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.*„
0:22 Uhr. Essen. Wieder gingen Türen auf, wieder ging niemand raus, wieder gingen die Türen zu. Der Zugbegleiter klang geradezu beschwingt. Ich begann mich zu fragen, ob die Deutsche Bahn ihre Nachtschicht-Durchsager nach Enthusiasmus castet oder ob der Mann einfach sechs Tassen Kaffee intus hatte und froh war, dass wenigstens das Mikrofon ihm zuhörte.
UE4 hatte seinen Film pausiert. „Marcel, was genau wollen die von mir?“
„Diplomatie. Die Bundesregierung möchte diplomatische Beziehungen mit Ssalgh aufnehmen.“
Drei seiner vier Augen richteten sich auf mich. Das vierte beobachtete weiterhin den Brezelmann, der jetzt leise schnarchte. „Diplomatische Beziehungen. Mit einem Planeten, der dreiundzwanzig Lichtjahre entfernt ist und von dem sie nichts wissen, außer dass er existiert.“
„Genau.“
„Und sie glauben, ich kann Ssalgh diplomatisch vertreten?“
„Du bist der einzige Ssalghianer auf der Erde. Wenn nicht du, wer dann?“
„Das ist wie wenn man den einzigen Menschen auf Ssalgh bitten würde, im Namen der gesamten Menschheit über Handelsabkommen zu verhandeln.“
Ich überlegte. „Wer würde das denn bei euch machen? Diplomatische Beziehungen?“
„Niemand. Wir haben keine Diplomaten. Wenn wir etwas klären müssen, klären wir es.“
„Ohne Botschafter? Ohne Verträge? Ohne Protokoll?“
„Protokoll ist das, was ihr macht, wenn ihr nicht wisst, was ihr eigentlich machen sollt.“
Ich beschloss, das nicht zu kommentieren. Nicht weil er unrecht hatte, sondern weil man manche Wahrheiten besser nicht laut bestätigt, wenn man am nächsten Tag in einem Ministerium stehen wird.
„*Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze Bochum Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung links.*„
0:31 Uhr. Bochum. Eine Stadt, die um diese Uhrzeit mit Sicherheit keine dringende Nachfrage nach ICE-Verbindungen aus Köln hatte. Ich fing an, ein Muster zu erkennen: Der Zug hielt. Der Mann sprach. Türen öffneten sich in die Leere. Türen schlossen sich. Weiter. Ein Ritual, dessen ursprünglicher Sinn irgendwann verloren gegangen war, das aber in einer Dienstanweisung stand, die noch nie jemand in Frage gestellt hatte, weil die Zuständigkeit für das In-Frage-Stellen von Dienstanweisungen bei einer Abteilung lag, die auch noch nie jemand in Frage gestellt hatte.
„Hör zu, UE4. Wenn du nach Berlin kommst und mit der Regierung redest, musst du ein paar Dinge verstehen. Deutschland ist … kompliziert.“
„Komplizierter als fünfzehn Ministerien?“
„Die fünfzehn Ministerien sind nur die Bundesebene. Darunter gibt es sechzehn Bundesländer. Jedes hat eine eigene Regierung. Eigene Ministerien. Eigene Gesetze.“
UE4 drehte langsam alle vier Augen zu mir. „Sechzehn eigene Regierungen?“
„Mit eigenen Parlamenten, eigenen Polizeien, eigenen Schulen –„
„Warum?“
„Weil nicht alles zentral entschieden werden soll. Die Idee ist, dass Entscheidungen näher an den Menschen getroffen werden.“
„Das klingt vernünftig.“
„Ja. In der Theorie.“
„Und in der Praxis?“
„In der Praxis bedeutet es, dass ein Kind, das von Bayern nach Hamburg umzieht, plötzlich einen anderen Lehrplan hat, andere Bücher benutzt und feststellt, dass das Abitur dort eine völlig andere Veranstaltung ist. Im selben Land.“
UE4 legte nachdenklich zwei Tentakel zusammen. „Und die sechzehn Regierungen sprechen sich ab?“
„Dafür gibt es den Bundesrat.“
„Was ist der Bundesrat?“
„Also.“ Ich suchte nach Worten. Es ist erstaunlich, wie schwer es ist, jemandem etwas zu erklären, das man selbst für normal hält, nur weil man damit aufgewachsen ist, wie mit einer schiefen Haustür, durch die man automatisch seitwärts geht, ohne darüber nachzudenken. „Es gibt den Bundestag, das Parlament, da sitzen die gewählten Abgeordneten. Und den Bundesrat, da sitzen die Vertreter der Bundesländer. Bestimmte Gesetze brauchen die Zustimmung beider.“
„Also eine Gruppe von Vertretern, die Vertreter vertreten, die wiederum Menschen vertreten, die andere Menschen gewählt haben?“
„Wenn du es so sagst, klingt es seltsam.“
„Es klingt wie ein System, das Entscheidungen verlangsamt, um sicherzustellen, dass alle mitreden können, was dazu führt, dass niemand wirklich redet, weil alle auf die Zustimmung der anderen warten?“
Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder. „Es ist ein Gleichgewichtssystem“, sagte ich schließlich, ohne selbst überzeugt zu klingen.
„Auf Ssalgh“, sagte UE4, „gibt es eine Strömung im Südozean, die gleichzeitig in zwei Richtungen fließt. Drei verschiedene Temperaturen. Milliarden von Organismen leben darin. Nicht weil die Strömung sinnvoll ist, sondern weil sie da ist.“
„Du vergleichst den deutschen Föderalismus gerade mit einer chaotischen Meeresströmung?“
„Ich sage, dass ein System nicht funktionieren muss, um zu bestehen. Es muss nur lange genug da sein, damit sich alle daran gewöhnt haben.“
Er sagte es beiläufig, wie jemand, der eine Beobachtung macht, nicht wie jemand, der einen Vortrag hält. Das war das Irritierende an UE4. Er meinte Dinge nie so feierlich, wie sie klangen. Er stellte einfach fest. Und dann guckte er weiter Bollywood.
„*Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze Dortmund Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Bitte achten Sie auf den Spalt zwischen Zug und Bahnsteigkante.*„
Der Zugbegleiter hatte für Dortmund den Zusatz mit der Bahnsteigkante eingebaut. Der Mann wurde kreativer. Möglicherweise langweilte er sich. Möglicherweise war das seine Art der Selbstentfaltung, eine Art Haiku des Schienenverkehrs: Fünf Wörter Ort, sieben Wörter Richtung, fünf Wörter Warnung.
In Dortmund stieg tatsächlich jemand ein. Eine Frau mit einem Koffer, der größer war als sie selbst und der klang, als hätte sie Ziegelsteine darin, oder möglicherweise einen zweiten Koffer. Sie schlief, bevor der Zug den Bahnhof verlassen hatte. UE4 beobachtete sie mit der wissenschaftlichen Neugier eines Feldbiologen.
„Und wer genau“, fragte UE4, „will jetzt diplomatische Beziehungen mit Ssalgh aufnehmen? Die Bundesregierung? Oder auch die sechzehn Landesregierungen?“
Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Und ich wünschte, er hätte die Frage nicht gestellt.
„Die Einladung kam von der Bundesregierung“, sagte ich vorsichtig. „Vom Kanzleramt. Die ist dann ans Auswärtige Amt weitergeleitet worden, dann ans Ministerium für Digitales, dann zurück ans Kanzleramt, dann an irgendjemanden, der ‚Interplanetarische Angelegenheiten‘ auf sein Türschild geschrieben hat –„
„Gibt es ein Ministerium für interplanetarische Angelegenheiten?“
„Nein. Es gibt ein Referat, das letzte Woche noch ‚Digitale Infrastruktur Osteuropa‘ hieß. Die haben es umbenannt, als deine Einladung kam.“
UE4 blinzelte mit allen vier Augen gleichzeitig. Das tat er nur, wenn etwas ihn wirklich überraschte, und bei einem Wesen, das schon eine Virologin, einen Kölner Karneval und Frau Petersens Brennnesseltee überlebt hatte, war das ein hoher Maßstab. „Sie haben eine Abteilung umbenannt, statt herauszufinden, was sie tun soll?“
„Willkommen in der deutschen Verwaltung.“
„Und die Bundesländer? Wollen die auch diplomatische Beziehungen?“
„Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass die Berliner Landesregierung bereits angekündigt hat, dass sie als Gastgeber auftreten will. Und dass Bayern angefragt hat, ob du auch nach München kommen kannst. Und dass Nordrhein-Westfalen darauf hingewiesen hat, dass du in NRW wohnst und sie somit einen Vorzugsanspruch haben.“
„Einen Vorzugsanspruch. Auf mich.“
„Auf diplomatische Beziehungen mit dir, ja.“
UE4 war für einen Moment still. Dann: „Strukturen sind wie Kleidung, Marcel. Nützlich, wenn sie passen. Albern, wenn man herausgewachsen ist. Und nach allem, was du mir erzählst, nähen an eurem Anzug siebzehn verschiedene Schneider gleichzeitig.“
Ich konnte ihm nicht widersprechen. „UE4, ich muss jetzt wirklich schlafen. Wir reden morgen weiter. Guck deinen Film.“
„Gute Nacht, Marcel.“
Shah Rukh Khan tanzte über eine Blumenwiese. Ich lehnte den Kopf gegen die kalte Scheibe und schloss die Augen.
Was erwartete die Regierung eigentlich? Einen Handelsvertrag? UE4 hat schon klar gemacht, dass wir seine Technologien nicht bekommen. Dafür seien wir einfach noch zu unterentwickelt. Einen Nichtangriffspakt? UE4s Volk hatte keine Waffen und kein Wort für Krieg. Vielleicht wollten sie einfach nur den Rahmen wahren — Botschafter empfangen, Hände schütteln, Absichtserklärung unterschreiben, beide Seiten fühlen sich als Gewinner, niemand hat sich auf irgendetwas Konkretes eingelassen. UE4 würde daran vermutlich verzweifeln. Oder alle anderen an UE4. Wahrscheinlich beides.
Ich dachte an die ESA, an unser Team in Köln. Was das für eine Arbeit gewesen war. Und das waren dreißig Leute, die sich jeden Tag an der Kaffeemaschine trafen. In Berlin würden es Hunderte sein, die sich nie begegneten und trotzdem koordinieren mussten, was ein bisschen so ist, als würde man versuchen, ein Orchester zu dirigieren, dessen Musiker in verschiedenen Städten sitzen und deren Partituren in unterschiedlichen Tonarten geschrieben sind.
„*Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze Gütersloh. Ausstieg in Fahrtrichtung links.*„
Gütersloh. 1:23 Uhr. Ich war gerade dabei gewesen, so etwas wie Schlaf zu entwickeln — ein zartes, zerbrechliches Pflänzchen aus Müdigkeit und Resignation — und der Zugbegleiter hatte es mit der Präzision eines Rasenmähers zermalmt.
Niemand rührte sich. Die Türen öffneten sich für nichts und schlossen sich für niemanden. Ich schloss die Augen wieder.
Berlin. Ministerien. Sechzehn Bundesländer. Vertreter, die Vertreter vertraten. Siebzehn Schneider an einem Anzug. Meine Gedanken verloren ihre Kanten, das Rattern der Gleise wurde zum Rhythmus, fast schon ein —
„*Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze Bielefeld Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.*„
1:35 Uhr. Bielefeld. Falls es Bielefeld überhaupt gab — und nach allem, was ich in dieser Nacht erlebte, war ich mir nicht mehr sicher, ob irgendetwas wirklich existierte, einschließlich meines Willens zu leben — war es mir vollkommen gleichgültig. Der Brezelmann schnarchte. Die Kofferfrau schlief. UE4 hing in einer Art meditativem Zustand in seinem Rollstuhl, der bei Ssalghianern den Schlaf ersetzt, was unfair ist, weil es bedeutet, dass er nie verkatert aufwacht, nie den Wecker verschläft und nie von einem Zugbegleiter um halb zwei aus dem Halbschlaf gerissen wird.
Nur der Zugbegleiter war wach. Fröhlich wach. Geradezu beunruhigend wach. Mit einem Mikrofon bewaffnet und offenkundig entschlossen, es zu benutzen.
Stirn gegen die Scheibe. Augen zu. Schlaf ist ein einfaches Konzept. Augen zu, Körper entspannt, Gehirn fährt runter. Katzen können das. Die Kofferfrau kann das. Warum konnte ich es nicht?
Weil ich mir Sorgen machte. Darum. Weil irgendwo vor uns in der Dunkelheit eine Stadt lag, in der UE4 auf ein System treffen würde, das aus nichts als Hierarchien bestand, und UE4 kannte keine Hierarchien. In der ein Wesen, das jede Vorschrift für eine Krankheit hält, in ein Gebäude kommen würde, das aus Vorschriften gebaut ist. Das konnte grandios werden. Oder grandios schiefgehen. Der Unterschied zwischen beidem war meistens Glück.
Ich spürte, wie der Schlaf zurückkam, vorsichtig, wie ein scheues Tier —
„*Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze Minden. Ausstieg in Fahrtrichtung links.*„
Minden. Minden! Wer hält um zwei Uhr nachts in Minden? Wer *wollte* um zwei Uhr nachts in Minden sein? Ich meine, es ist sicher eine schöne Stadt, mit einer Altstadt und einer Weser und vermutlich einem Rathaus, aber das sind Dinge, die man tagsüber schätzt, nicht um zwei Uhr nachts aus einem ICE-Fenster, hinter dem nur Dunkelheit ist.
Der Zugbegleiter klang mittlerweile, als genieße er es. Jede Durchsage eine kleine Aufführung. Jede Station ein Satz. Jeder Satz ein Lebenszeichen. Vielleicht war das seine Art, die Nacht zu überstehen. Vielleicht war er der Einsamste im ganzen Zug, und das Mikrofon war sein einziger Freund.
Stille. Rattern. Dunkelheit. Mein Atem wurde langsamer. Ich dachte an nichts mehr. An —
„*Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze Hannover. Ausstieg in Fahrtrichtung links.*„
2:23 Uhr. Hannover. Ich starrte die Decke an. Die Durchsagen waren wie ein Wecker, den niemand gestellt hatte und den niemand abstellen konnte. Ein System, das niemand brauchte, das aber ablief, weil irgendwo in einem Regelwerk stand, dass es so sein musste. Ich ahnte, dass das eine Metapher war für alles, was uns in Berlin erwarten würde, aber ich war zu müde, um sie zu genießen.
„Marcel?“
„Was?“ Es klang gereizter als beabsichtigt. UE4 drehte zwei Augen zu mir.
„Die Frage war, ob du auch einen Döner willst, wenn wir in Berlin ankommen.“
Ich rieb mir die Augen. „Ja. Ja, ich will einen Döner.“
„Gut.“ Er wandte sich wieder seinem Tablet zu. „Ich habe gelesen, dass der Berliner Döner anders ist als der Kölner Döner. Ich muss das untersuchen. Rein wissenschaftlich.“
„Rein wissenschaftlich.“
„Der Döner ist eines der wenigen Systeme auf eurem Planeten, bei dem die lokale Anpassung tatsächlich zu einem besseren Ergebnis führt.“
„Du hast gerade Föderalismus als Döner erklärt.“
„Das habe ich nicht. Aber es ist nicht die schlechteste Analogie, die heute Nacht gefallen ist.“
Ich lehnte mich zurück. Der Zug ratterte. UE4 guckte weiter Bollywood. Irgendwo vor uns in der Dunkelheit lag Berlin.
Ich schloss die Augen. Diesmal kam der Schlaf schneller, vielleicht aus Erschöpfung, vielleicht weil mein Körper einfach die Verhandlungen eingestellt hatte. Diplomatie. Bundesländer. Siebzehn Schneider. Das Rattern …
„*Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze Braunschweig Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Umsteigemöglichkeit zu den S-Bahn-Linien 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 und 8 sowie den Regionallinien –*„
3:28 Uhr. Für Braunschweig hatte er sich vorgenommen, die gesamte niedersächsische Nahverkehrsinfrastruktur aufzuzählen. Ich lag da mit weit offenen Augen und hasste jeden einzelnen Halt zwischen Köln und Berlin mit einer Intensität, die ich normalerweise Steuerbescheiden und Windows-Updates vorbehalte.
Irgendwann — zwischen Braunschweig und dem nächsten Halt, dessen Ankündigung der Zugbegleiter zweifellos bereits probte — schlief ich tatsächlich ein. Nicht weil es ruhig wurde. Sondern weil mein Körper aufgegeben hatte, wie ein Betriebssystem, das zu viele Prozesse gleichzeitig laufen hat und einfach abstürzt. Kein elegantes Herunterfahren. Bluescreen. Aus.
Berlin, wir kommen. Falls dieser verdammte Zug irgendwann aufhört zu halten.
„*Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze Magdeburg. Ausstieg in Fahrtrichtung links. Die Deutsche Bahn wünscht einen angenehmen Aufenthalt.*„
Ich wünschte, ich hätte auch einen.
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